DeepSeek verhandelt gut sechs Wochen nach seiner ersten großen Außenfinanzierung bereits über frisches Kapital. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet unter Berufung auf die Financial Times von einer neuen Runde über umgerechnet rund 1,5 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von etwa 70 Milliarden Dollar. Parallel bereitet das chinesische KI-Unternehmen einem weiteren Bericht zufolge einen Börsengang vor.
Zweite Kapitalrunde folgt auf Rekordfinanzierung
DeepSeek schloss die erste Außenfinanzierung seiner Geschichte Ende Mai 2026 ab und sammelte dabei rund sieben Milliarden Dollar ein. Die Bewertung lag damals bei rund 50 Milliarden Dollar. Zu den Investoren zählten der Technologiekonzern Tencent und der Batteriehersteller CATL (Contemporary Amperex Technology), wie die South China Morning Post berichtet. Weitere Geldgeber sollen demnach unter anderem NetEase und JD.com gewesen sein, ebenso ein staatlich getragener Fonds für KI-Industrie aus Peking.
Für die neue Runde ist laut Reuters mindestens ein Kapitalvolumen von umgerechnet 1,5 Milliarden Dollar im Gespräch, nach Angaben einzelner Quellen könnten es auch deutlich mehr als zehn Milliarden Yuan werden. Die Gespräche befänden sich noch in einem frühen Stadium, Konditionen und Zeitplan könnten sich demnach noch ändern. Dass DeepSeek bereits rund sechs Wochen nach der letzten Runde erneut Kapital sucht, erklären südchinesische Presseberichte auch damit, dass viele interessierte Geldgeber bei der ersten Runde nicht zum Zug kamen und nun über eine zweite Tranche einsteigen wollen. Das Interesse gilt Marktbeobachtern zufolge auch politisch: DeepSeek gelte in China vielen Investoren als eine Art nationaler Vorzeigekonzern der KI-Branche.
Börsengang in Festlandchina rückt näher
Parallel zur neuen Finanzierungsrunde bereitet DeepSeek laut TechCrunch einen Börsengang in Festlandchina vor. Das Unternehmen arbeite demnach mit Wirtschaftsprüfungsgesellschaften an einem Jahresabschluss, der bis Ende Dezember vorliegen soll. Ein Antrag auf die Erstnotierung könnte bereits Ende 2026 oder Anfang 2027 eingereicht werden, das eigentliche Listing wird eher für 2027 erwartet.
Offizielle Bestätigungen von DeepSeek selbst gibt es bislang nicht. Sämtliche Angaben zu Zeitplan und Volumen stammen von mit den Gesprächen vertrauten Personen, die anonym bleiben wollten, weil es sich um private Informationen handelt. Ein Börsengang in China unterläge zudem der Prüfung durch die chinesische Wertpapieraufsicht, deren Verfahren für Technologieunternehmen in der Vergangenheit mehrere Monate bis Jahre dauern konnten. Für ein erst 2023 gegründetes Unternehmen wäre der Weg zur Börse in weniger als vier Jahren außergewöhnlich schnell.
Ein Listing in Festlandchina statt etwa in Hongkong oder den USA würde DeepSeek zudem stärker an heimische Investoren binden und regulatorische Risiken durch US-Beschränkungen für chinesische Tech-Aktien umgehen. Für die aktuelle Finanzierungsrunde dürfte die IPO-Perspektive ein zusätzliches Argument gegenüber neuen Geldgebern sein, weil sie einen konkreten Ausstiegszeitpunkt in Aussicht stellt.
Huawei-Chips ersetzen Nvidia-Hardware im Betrieb
DeepSeek betreibt seine Modelle wegen der US-Exportkontrollen für Hochleistungschips inzwischen überwiegend auf Hardware des chinesischen Herstellers Huawei statt auf Nvidia-Prozessoren, wie TechCrunch unter Berufung auf Bloomberg berichtet. Die Leistungsfähigkeit der Modelle könne demnach trotz der Beschränkungen mit US-amerikanischen Spitzenmodellen mithalten, was für ein Unternehmen ohne freien Zugang zu den leistungsfähigsten Nvidia-Chips bemerkenswert sei.
Zur Marktposition liefert eine Auswertung des Infrastrukturanbieters Vercel einen Anhaltspunkt: Im Juni 2026 entfielen rund 23 Prozent der über das unternehmenseigene KI-Gateway verarbeiteten Tokens auf DeepSeek-Modelle, bei Anthropic waren es rund 32 Prozent – unabhängig nicht verifiziert, da Vercel ausschließlich eigene Kundendaten auswertet und keine vollständige Marktabdeckung beansprucht. Für Investoren ist diese Nutzung dennoch ein Signal dafür, dass DeepSeek trotz der Sanktionen wirtschaftlich relevant bleibt und im internationalen Wettbewerb um Entwickler und Unternehmenskunden mithält.
Die Huawei-Kooperation zeigt zugleich, wie sich chinesische KI-Unternehmen und Chiphersteller im Zuge der Exportbeschränkungen enger aneinander binden. Für DeepSeeks Investoren ist die Abhängigkeit von heimischer Hardware ein zweischneidiges Argument: Sie sichert Unabhängigkeit von US-Sanktionen, könnte aber Kosten und Entwicklungstempo gegenüber Wettbewerbern mit Nvidia-Zugang beeinflussen.
Entscheidend wird, ob DeepSeek die neue Runde tatsächlich zu der kolportierten Bewertung abschließt oder ob Investoren angesichts der kurzen Taktung seit der letzten Runde niedrigere Konditionen durchsetzen. Offen bleibt zudem, ob ein Börsenantrag noch in diesem Jahr eingereicht wird oder sich wie bei anderen chinesischen Tech-Börsengängen zeitlich weiter verschiebt.


