Das Entwicklerportal HackerRank hat seinen KI-Interviewer Chakra nach sechs Monaten im Testbetrieb am 5. Oktober 2026 für alle Kunden freigegeben.
Das System führt technische Vorstellungsgespräche per Video und Code-Umgebung eigenständig und ersetzt damit die bisher üblichen drei getrennten Gesprächsrunden. Mehr als 500.000 Testinterviews liegen bereits hinter dem Produkt.
Ein KI-Gespräch ersetzt drei Interviewrunden
Bewerber bearbeiten bei Chakra reale Programmieraufgaben in einer Arbeitsumgebung, die einem echten Entwicklungs-Tool gleicht und einen integrierten KI-Assistenten enthält. Das System bewertet nicht nur die fertige Lösung, sondern auch Denkweg und Urteilsvermögen.
Hinzu kommt, was HackerRank „KI-Kompetenz" nennt: wie Bewerber Probleme für ein KI-Werkzeug formulieren und dessen Vorschläge einschätzen. Unternehmen legen Rolle, Kompetenzen und Bewertungsraster in einem Chat-Dialog fest und laden Kandidaten per E-Mail, Link oder direkt aus ihrem Bewerbermanagementsystem ein.
Chakra deckt bislang vor allem technische Rollen ab, etwa KI-Ingenieur, Forward Deployed Engineer, Customer-Experience-Engineer und KI-Produktmanager. Das 2012 gegründete Unternehmen zählt nach eigenen Angaben mehr als 3.000 Geschäftskunden, darunter Amazon und Nvidia, sowie eine Entwickler-Community von 30 Millionen Mitgliedern.
Für Kandidaten ersetzt ein einziges, adaptives Gespräch damit die klassische Abfolge aus Erstgespräch, Fachinterview und Fallstudie. Senior Product Manager Mayur Moorthy begründet den Schritt mit wachsendem Bewerbungsaufkommen, langwieriger Terminfindung und zunehmend KI-polierten oder sogar frei erfundenen Bewerbungsunterlagen.
HackerRank selbst debütierte einst auf der Gründerkonferenz TechCrunch Disrupt, bevor das Unternehmen zum etablierten Anbieter für technische Einstellungstests wurde.
Weniger Betrugsversuche als bei klassischen Tests
Die sechsmonatige Testphase vor dem offiziellen Start begann bereits im April 2026. Verdächtiges Verhalten, etwa unerlaubte Hilfsmittel oder fremde Unterstützung, sei dabei 70 bis 80 Prozent seltener aufgetreten als bei herkömmlichen Einstellungstests.
Unabhängig verifiziert ist diese Zahl nicht. HackerRank-Mitgründer und Chef Vivek Ravisankar erklärt das damit, dass Bewerber mit legitimem KI-Zugang weniger Anreiz hätten, heimlich zu schummeln.
Er vergleicht den Umstieg mit Apples Wechsel vom iPod zum iPhone und sieht darin die künftige Ausrichtung des Unternehmens. Über diese Testinterviews hinweg hätten Kandidaten die Erfahrung im Schnitt mit 4,8 von 5 Punkten bewertet.
Zu den ersten Kundenunternehmen zählen die Softwarefirma Snowflake, das Datenunternehmen Snorkel und der Beratungskonzern Capgemini. Zugang erhalten Unternehmen über die eigene Plattform chakra.sh; öffentliche Preisangaben macht das Unternehmen bislang nicht.
Welche Länder das Angebot zuerst erreicht, ließ es offen. Neben Video und Code-Editor kann das System bei Bedarf auch ein virtuelles Whiteboard einblenden, etwa für Fragen zum Systemdesign.
Kritiker verweisen auf Diskriminierungsrisiken bei KI-Interviews
Automatisierte Bewertungssysteme können nach Einschätzung von Fachleuten Vorurteile aus ihren Trainingsdaten übernehmen oder sogar verstärken. Das gilt selbst dann, wenn ein gut kalibriertes System seltener diskriminiert als ein menschlicher Interviewer.
Ravisankar räumt dieses Risiko ein, verweist zugleich aber auf Diskriminierungsprüfungen durch externe Gutachter, die HackerRank regelmäßig beauftrage. New York City schreibt für automatisierte Systeme, die über Einstellungen mitentscheiden, bereits verpflichtende Bias-Audits vor.
Betroffene Bewerber müssen zudem vorab informiert werden. Über die endgültige Zu- oder Absage entscheidet weiterhin ein Mensch, nicht der Algorithmus – Chakra liefert nur die Bewertungsgrundlage.
Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich bereits im laufenden Dossier zu KI und Arbeitsmarkt: Eine Analyse des Indeed Hiring Lab brachte das Wachstum offener US-Softwarejobs zuvor schon mit dem Aufkommen von KI-Programmierwerkzeugen in Verbindung.
Entscheidend wird, ob Chakra in der Praxis tatsächlich objektiver urteilt als menschliche Interviewer. Ebenso denkbar ist, dass das System die Verzerrungen seiner Trainingsdaten nur in neuer Form fortschreibt – unabhängige Untersuchungen dazu stehen noch aus.
Für Bewerber auf Technikstellen bedeutet der Wandel schon jetzt eine neue Anforderung: Programmierkenntnisse allein reichen nicht mehr, nachvollziehbares Arbeiten mit KI-Werkzeugen wird zum Teil des Auswahlverfahrens.










