Anthropic löst sein separates Werkzeug Cowork auf und verschmilzt es vollständig mit dem gewohnten Claude-Chat. Seit dem 16. September 2026 entwirft der Chatbot dort auch Dokumente und Präsentationen, ohne dass Nutzerinnen und Nutzer vorher eine gesonderte App wählen müssen. Neu sind dafür die Werkzeuge Claude Docs und Claude Slides, die zunächst als Beta erscheinen.
Anthropic bündelt Chat, Cowork und Design in einer Oberfläche
Bislang mussten Nutzerinnen und Nutzer vorab entscheiden, ob eine Aufgabe in den normalen Chat oder in das agentenhafte Cowork-Werkzeug gehört. Diese Trennung entfällt: Claude erkennt jetzt selbst, ob eine Anfrage ein einfaches Gespräch, ein längeres Rechercheprojekt oder eine gestaltende Aufgabe erfordert. Auch das bisher separate Werkzeug Claude Design, das visuelle Entwürfe wie Folien oder Prototypen erzeugt, lässt sich künftig direkt aus einem gewöhnlichen Gespräch heraus aufrufen. Der Schritt ist die vorläufig letzte Etappe einer schrittweisen Annäherung. Bereits im August hatte Anthropic das Gedächtnis von Chat und Cowork zusammengelegt. Informationen aus einem Bereich standen seitdem automatisch auch im anderen zur Verfügung. Wer Cowork bereits nutzt, verliert dabei laut Anthropic nichts: Chatverläufe, Projekte, Artefakte, Konnektoren und Skills bleiben automatisch erhalten. Ein manueller Umzug oder Neuaufbau bestehender Automatisierungen ist damit nicht nötig. Anthropic begründet den Schritt mit weniger Reibung im Alltag: Wer nicht mehr vorab überlegen müsse, welches Werkzeug zur Aufgabe passe, komme schneller zum Ergebnis.
Claude Docs und Claude Slides entstehen direkt im Gespräch
Claude Docs ist ein Editor für Fließtext, der sich wie ein gemeinsames Dokument bearbeiten lässt: Claude schreibt einen ersten Entwurf, kommentiert eigene Entscheidungen und lässt Korrekturen im laufenden Gespräch zu. Fertige Texte exportiert die Anwendung als Word-Datei, PDF, Google-Doc oder Markdown. Claude Slides erzeugt auf dieselbe Weise Präsentationen: Nutzerinnen und Nutzer bearbeiten einzelne Folien im Browser und lassen Claude direkt vortragen. Das Ergebnis lässt sich auch als PowerPoint- oder PDF-Datei herunterladen. Beide Werkzeuge liegen in der Artefakt-Ablage des jeweiligen Chats und lassen sich per Link mit Kolleginnen und Kollegen teilen, die dann in Echtzeit mitbearbeiten können. Von den bereits bestehenden Add-ins Claude für Word, Excel und PowerPoint unterscheiden sich Docs und Slides deutlich. Die Add-ins laufen innerhalb der Microsoft-Programme und übertragen Kontext zwischen Excel, Word, PowerPoint und Outlook. Docs und Slides entstehen dagegen browserbasiert direkt im Claude-Chat und setzen kein Microsoft-Konto voraus. Wie verbreitet der Bedarf an solchen Werkzeugen ist, zeigt eine Umfrage des Marktforschers CCS Insight. Rund die Hälfte der befragten Beschäftigten, die generative KI im Job nutzen, setzt sie demnach vor allem zum Erstellen oder Bearbeiten von Berichten und Dokumenten ein.
Rollout beginnt bei Pro- und Max-Konten diese Woche
Der Zugang startet gestaffelt. Kundschaft mit den Bezahlplänen Pro und Max erhält die neue Oberfläche laut Anthropic in den kommenden Wochen auf Web, Desktop und Mobilgeräten. Team- und Gratis-Konten sollen folgen, ein festes Datum dafür nennt das Unternehmen nicht. Firmenkunden mit Enterprise-Plan entscheiden über die eigene IT-Abteilung, wann die Umstellung greift. Anthropic sichert dafür eine Vorlaufzeit von mindestens 30 Tagen zu. Zusätzliche Kosten entstehen nicht, die Nutzung zählt zum bestehenden Kontingent des jeweiligen Abos. Zur Verfügbarkeit in Deutschland oder der EU äußert sich der Anthropic-Blogbeitrag nicht gesondert. Da Pro- und Max-Abos hierzulande bereits regulär buchbar sind, dürfte der Zugang zeitgleich mit dem internationalen Rollout freigeschaltet werden. Konkurrenzdruck kommt unterdessen von OpenAI: Erst wenige Tage zuvor hatte das Unternehmen angekündigt, dass ChatGPT Texte künftig direkt in einer Seitenleiste von Microsoft Word entwirft. Beide Anbieter zielen damit auf denselben Alltag – das Verfassen von Berichten, Angeboten oder Präsentationen, ohne zwischen mehreren Programmen zu wechseln.
Entscheidend wird, ob die vereinfachte Oberfläche in der Praxis tatsächlich weniger Klicks bedeutet oder Nutzerinnen und Nutzer nur an anderer Stelle neu lernen müssen, wo eine Aufgabe jetzt endet. Offen bleibt außerdem, wie lange Team- und Gratis-Konten auf die Werkzeuge warten müssen und ob Anthropic die Grenze zu den bestehenden Microsoft-Add-ins in einem nächsten Schritt weiter auflöst.


