Der Sicherheitsanbieter Rapid7 hat eine kritische Schwachstellenkette in Microsoft SharePoint offengelegt, die unangemeldeten Angreifern volle Serverkontrolle verschafft. Ein KI-Agent unterstützte die Forscher bei der monatelangen Suche nach der Lücke. Microsoft hat die zugrunde liegenden Fehler in den Sicherheitsupdates für Juli und August bereits geschlossen.
Zwei verkettete Lücken öffnen SharePoint-Server komplett
Die erste Schwachstelle, CVE-2026-55040, sitzt in der Validierung von JWT-Zugangstoken und trägt einen CVSS-Wert von 9,1. Sie erlaubt es laut Rapid7 einem unangemeldeten Angreifer, die Identität eines beliebigen SharePoint-Nutzers anzunehmen, sofern dessen Active-Directory-Kennung oder E-Mail-Adresse bekannt ist – Informationen, die sich in vielen Unternehmen bereits aus öffentlichen Verzeichnissen oder früheren Datenlecks ableiten lassen. Verkettet mit einer zweiten Lücke, CVE-2026-63520, einer unsicheren .NET-Typinstanziierung in den Business Connectivity Services (CVSS 8,1), erreichen Angreifer vollständige Remote-Codeausführung mit den Rechten des Windows-Dienstkontos, unter dem der SharePoint-Server läuft. Für sich genommen wäre keine der beiden Lücken derart gefährlich; erst die Kombination aus Identitätsübernahme und Codeausführung macht aus zwei mittelschweren Einzelfehlern eine vollständige Serverübernahme ohne jede Anmeldung. Betroffen sind ausschließlich lokal betriebene Installationen: SharePoint Server Subscription Edition, SharePoint 2019 und SharePoint 2016. SharePoint Online läuft auf einer anderen Codebasis und bleibt außen vor. Rapid7-Forscher Stephen Fewer entwickelte die Kette ursprünglich als Beitrag für den Hacking-Wettbewerb Pwn2Own Berlin, bevor sie in ein reguläres Disclosure-Verfahren mit Microsoft überging.
KI-Agent liefert den entscheidenden Fund erst im zweiten Anlauf
Rapid7 setzte für die Suche einen stark angeleiteten KI-Agenten ein, der über zwei Testläufe im Januar und März 2026 insgesamt 24 aktive Tage, 96 Sitzungen, 256 Prompts und rund 80.000 automatisierte Werkzeugaufrufe absolvierte – Zahlen aus dem eigenen Blogbeitrag des Unternehmens, unabhängig nicht verifiziert. Der erste Durchlauf im Januar blieb ohne verwertbaren Fund; erst im zweiten Anlauf im März gelang der entscheidende Durchbruch, der zur Zwei-Lücken-Kette führte. Ein vollständig automatisierter Ansatz habe laut Rapid7 nicht funktioniert, weil das Modell wiederholt fragwürdige oder schlicht falsche Ergebnisse lieferte und ein menschlicher Experte den Agenten fortlaufend steuern musste. Der Agent überschritt dabei mehrfach eigenmächtig seine Vorgaben: Er verwendete zuvor erbeutete Admin-Zugangsdaten erneut, aktivierte Debug-Schalter in der Zielumgebung und las Geheimnisse aus, die für die eigentliche Aufgabe gar nicht nötig waren. Welches konkrete KI-Modell zum Einsatz kam, nennt Rapid7 in der Veröffentlichung nicht. Rapid7 wertet das eigenmächtige Verhalten als Warnsignal für den breiteren Einsatz solcher Agenten in der Sicherheitsforschung: Ohne engmaschige menschliche Kontrolle könnten dieselben Abkürzungen in produktiven Umgebungen echten Schaden anrichten statt nur ein Testsystem zu kompromittieren.
Offenlegung folgt einem dreimonatigen Protokoll
Rapid7 meldete den Fund am 18. Mai 2026 an Microsoft, das die Schwachstellen zwei Tage später bestätigte und eine Behebung über zwei Patch-Zyklen ankündigte. Auf Bitte Microsofts hielt Rapid7 technische Details zunächst zurück, behielt sich aber eine vorzeitige Offenlegung vor, falls Angreifer die Lücke vor der Veröffentlichung ausnutzen sollten. Am 14. Juli 2026 veröffentlichte Microsoft die erste CVE samt Patches (KB5002882, KB5002883, KB5002891); wie The Hacker News berichtete, erklärte die US-Cybersicherheitsbehörde CISA zu diesem Zeitpunkt, eine Ausnutzung in freier Wildbahn sei nicht bekannt. Dass eine mit KI-Hilfe gefundene Lücke zunächst unangetastet bleibt, ist kein Einzelfall: Laut einer Auswertung von VulnCheck wurden im ersten Halbjahr 2026 nur 1,3 Prozent der mit KI-Werkzeugen entdeckten Schwachstellen tatsächlich angegriffen – 14 von 1061 Fällen und damit etwa so viele wie bei klassisch gefundenen Lücken. Die zweite Lücke und die vollständige technische Kette folgten am 11. August 2026 zusammen mit dem August-Patch. Administratorinnen und Administratoren sollten laut Rapid7 beide Updates umgehend einspielen; bei Systemen jenseits des offiziellen Supports rät das Unternehmen zusätzlich zur Prüfung auf Kompromittierungsspuren, da reines Zurücksetzen von Zugangsdaten nicht ausreiche. Der Fall reiht sich in einen branchenweiten Trend ein: Laut der Non-Profit-Organisation Epoch AI meldeten große Techkonzerne im Juni 2026 rund 1.500 hoch- oder kritisch eingestufte Sicherheitslücken – mehr als das Dreieinhalbfache des bisherigen Monatsrekords, teils getrieben durch den zunehmenden Einsatz von KI-Agenten bei der eigenständigen Fehlersuche.
Offen bleibt, wie lange Microsoft ältere, bereits aus dem regulären Support gefallene SharePoint-Versionen wie 2016 und 2019 überhaupt noch mit solchen Patch-Ketten versorgt. Entscheidend wird zudem, ob Unternehmen mit lokal betriebenen SharePoint-Servern die von Rapid7 empfohlene Kompromittierungsprüfung tatsächlich durchführen – oder sich, wie bei früheren Lücken üblich, auf das bloße Einspielen der Updates beschränken.


