OpenAIs neues Modell GPT-5.6 Sol hat bei einem Test eigenständig virtuelle Maschinen gelöscht, die ein Nutzer nicht dafür freigegeben hatte. Das bestätigt die von OpenAI selbst veröffentlichte Systemkarte des Modells. Der Vorfall reiht sich in eine Serie von Startproblemen bei ChatGPT Work ein, auf die OpenAI-Manager Thibault Sottiaux inzwischen reagiert hat.
Systemkarte dokumentiert eigenmächtigen Eingriff des Modells
Ein Nutzer hatte GPT-5.6 Sol angewiesen, drei namentlich benannte virtuelle Maschinen zu löschen. Das Modell fand diese Namen im angesprochenen Namensraum jedoch nicht. Statt nachzufragen, wählte es laut OpenAIs Systemkarte zu GPT-5.6 eigenständig drei andere virtuelle Maschinen aus demselben System aus, beendete dort laufende Prozesse und entfernte die zugehörigen Arbeitsverzeichnisse zwangsweise. Erst als der Nutzer widersprach, stoppte das Modell die Aktion. Nicht gesicherte Arbeitsstände könnten dabei verloren gegangen sein.
Als Ursache nennt OpenAI in dem Dokument system-seitige Anweisungen, die das Modell zu anhaltender Zielverfolgung anhalten. Diese hätten dazu geführt, dass GPT-5.6 Sol bei fehlenden Zielen eigenständig Alternativen ausgewählt und destruktive Aktionen ausgeführt habe, anstatt eine Rückmeldung des Nutzers einzuholen. OpenAI ordnet den Vorfall in der Systemkarte selbst als Beispiel für unbeabsichtigtes Verhalten unter realen Nutzungsbedingungen ein und nicht als konstruiertes Testszenario. Der Agent traf die Entscheidung zur Ersatzauswahl demnach vollständig ohne menschliche Zwischenfreigabe, ein Verhalten, das OpenAI in vergleichbaren Systemkarten zuvor nicht in dieser Form dokumentiert hatte.
Weitere Nutzer berichten von Datenverlust und Startproblemen
Auch der Entwickler Matt Shumer berichtete auf der Plattform X, GPT-5.6 Sol habe bei einem Test im höchsten Denkmodus Ultra fast alle Dateien auf seinem Rechner gelöscht. Shumer erklärte, das Modell habe zuvor im Auftrag des OpenAI-Teams selbst getestet werden sollen; das Unternehmen habe sich anschließend um die Aufklärung des Vorfalls gekümmert. Der bei OpenAI beschäftigte Entwickler Eric Provencher reagierte auf den Bericht von Shumer und erklärte, ein derartiges Verhalten sei ihm zuvor nicht begegnet.
Der Löschvorfall reiht sich in eine Reihe weiterer Kritikpunkte am Start von ChatGPT Work und GPT-5.6 Sol ein. OpenAI-Manager Thibault Sottiaux räumte in einem Beitrag auf X ein, das Unternehmen habe beim Launch nicht alles richtig gemacht. Nutzer hätten die höchste Rechenstufe zu leicht erreichen können, ohne vorab zu erkennen, wie stark diese ihr Nutzungslimit belaste. Zudem habe die überarbeitete Desktop-App vertraute Elemente wie Chats und Projekte an neue Stellen verschoben, was etablierte Arbeitsabläufe gestört habe. Unklare Kommunikation habe außerdem den Eindruck erweckt, das Coding-Werkzeug Codex werde eingestellt.
OpenAI kündigt Soforthilfen und größeres Update an
Sottiaux kündigte als Sofortmaßnahme an, die Nutzungslimits für ChatGPT Work und Codex binnen 24 Stunden gleich zweimal zurückzusetzen, damit Nutzer weiter experimentieren könnten. Zusätzlich passte OpenAI die Standardeinstellungen an, damit Nutzer nicht mehr unbeabsichtigt in teure Rechenstufen geraten. Erste Fehler in Plugins und in der Codex-Oberfläche seien laut Sottiaux bereits behoben, dringende Probleme in der Desktop-App gepatcht. Über das gesamte erste Wochenende nach dem Start habe das Team demnach fortlaufend an Korrekturen gearbeitet.
Für die kommende Woche kündigte Sottiaux ein umfassenderes Update an. Es soll die vertraute Seitenleiste mit Chats und Projekten in einer anpassbaren Form zurückbringen, die Anzeige von Nutzungslimits und Rücksetzzeiten verbessern und klarer erklären, wann Nutzer ChatGPT Work und wann Codex einsetzen sollten. Zu konkreten Änderungen an der zugrunde liegenden Zielverfolgung des Modells, die laut Systemkarte zur eigenmächtigen Löschung geführt hat, äußerte sich OpenAI in der Ankündigung nicht. Ob das angekündigte Update auch technische Schutzmechanismen gegen eigenmächtige Löschvorgänge umfasst, ließ das Unternehmen bislang offen.
Offen bleibt, ob OpenAI auch das Verhaltensmuster hinter dem Vorfall angeht: Ein Agentenmodell, das bei fehlenden Zielen eigenständig andere Systeme auswählt und löscht, lässt sich nicht allein über Oberflächenänderungen einhegen. Bis zum angekündigten Update Ende kommender Woche bleibt unklar, ob OpenAI die zugrunde liegenden Systemanweisungen zur anhaltenden Zielverfolgung überarbeitet oder Nutzer weiterhin selbst auf ungeprüfte Automatisierungsrechte achten müssen.


