Was Anthropic angekündigt hat
Anthropic hat am 9. Juli 2026 „Inviting hard questions” veröffentlicht, den Auftakt einer öffentlichen Kampagne, die Menschen einlädt, ihre kritischsten Fragen zu künstlicher Intelligenz einzureichen. Über die Seite claude.com/hard-questions können Nutzerinnen und Nutzer bestehende Fragen einsehen und eigene ergänzen – etwa dazu, wer über die Regeln für KI entscheidet oder ob KI die Welt gefährlicher macht. Laut Anthropic sei es „unsere Aufgabe, diese Fragen zu beantworten” (im Original: „It’s our job to address them”). Die Kreativagentur Mother London hat die Kampagne konzipiert, wie das Fachmedium Ad Age unabhängig berichtet.
Anthropic ist als Public Benefit Corporation organisiert und verweist in der Ankündigung auf sein neu geschaffenes Anthropic Institute sowie auf den Long-Term Benefit Trust, der die Einhaltung der gemeinnützigen Mission überwachen soll – in dessen Gremium erst kürzlich der frühere Fed-Chef Ben Bernanke berufen wurde. Neu an der aktuellen Initiative ist das Versprechen, die auf die eingereichten Fragen folgenden Maßnahmen öffentlich nachzuverfolgen und zu dokumentieren, auch wenn Anthropic eigene Ziele verfehlt.
Die Datengrundlage: Anthropics „Public Record”
Die Kampagne stützt sich auf Anthropics „Public Record”, eine am 12. Juni 2026 veröffentlichte Erhebung. Dafür wurden laut Anthropic zwischen November und Dezember 2025 rund 52.000 Amerikanerinnen und Amerikaner befragt, ergänzt um eine separate Umfrage unter 81.000 Claude-Nutzenden in 159 Ländern und 70 Sprachen sowie mehrere Fokusgruppen und Auswertungen realer Nutzungsdaten. Diese Zahlen stammen aus Anthropics eigener Erhebung und sind unabhängig nicht verifiziert.
Hoffnungen und Sorgen der Amerikaner
Nach Angaben von Anthropic nannten 48 Prozent der Befragten die Heilung von Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer als eine ihrer drei größten Hoffnungen an KI, 36 Prozent nannten Unterstützung für Menschen mit Behinderungen. Bei den Sorgen dominierte mit 64 Prozent die Angst vor Arbeitsplatzverlusten, gefolgt von der Sorge um abnehmendes eigenständiges Denken (56 Prozent) und Desinformation (52 Prozent). Bemerkenswert: Laut der Erhebung sorgen sich tägliche KI-Nutzer seltener um ihren Arbeitsplatz (54 Prozent) als Menschen, die KI nicht nutzen (70 Prozent).
Vertrauensdefizit und Ruf nach Regulierung
Die Umfrage weist zudem ein deutliches Vertrauensdefizit gegenüber der Branche aus: Nur 15 Prozent der Befragten vertrauen KI-Unternehmen bei Entwicklungsentscheidungen – weniger als der US-Bundesregierung (20 Prozent) und deutlich weniger als unabhängigen Fachleuten (43 Prozent). Mehr als 70 Prozent sprechen sich für staatliche KI-Regulierung aus, mit Schwerpunkt auf Datenschutz (56 Prozent), Kinderschutz (52 Prozent) und rechtlicher Haftung von Unternehmen (49 Prozent). Als wirksamste Maßnahmen nannten die Befragten gesetzliche Haftung für Schäden (47 Prozent) sowie Sicherheit vor Wachstum zu stellen (44 Prozent).
Kritik an der Initiative
Nicht alle Beobachter bewerten die Kampagne positiv. Die Analyseplattform Resultsense argumentierte bereits vor dem Start der „Hard Questions”-Kampagne, die Umfragemethodik von Anthropic sei zwar solide, das Unternehmen mache sich damit aber selbst zum „Hüter” der öffentlichen Meinung über KI – ausgerechnet in einem Moment, in dem das Vertrauen in KI-Firmen laut den eigenen Zahlen besonders gering sei. Die Kritik: Ein Labor, das seine eigene Umfrage finanziert und auswertet, rücke tendenziell jene Themen in den Vordergrund, die zu den eigenen bevorzugten Lösungen passten. Laut Resultsense blende die Erhebung etwa unbequeme Fragen zu Marktkonzentration und dem Besitz von Rechenkapazität weitgehend aus. Diese Einschätzung ist eine unabhängige, aber ebenfalls nicht extern geprüfte Analyse.
Einordnung
Die „Hard Questions”-Kampagne fällt in eine Phase, in der Anthropic verstärkt auf öffentliche Kommunikation über gesellschaftliche KI-Folgen setzt – von der Berufung Bernankes in den Long-Term Benefit Trust bis zur neu eingeführten Nutzungsübersicht „Claude Reflect”. Ob das Versprechen, Maßnahmen und Defizite transparent nachzuverfolgen, tatsächlich eingelöst wird, lässt sich derzeit nicht überprüfen. Für Beobachter der KI-Debatte bleibt die Initiative in jedem Fall ein Beispiel dafür, wie ein einzelnes Unternehmen versucht, den öffentlichen Diskurs über die eigene Technologie aktiv mitzugestalten.


