Die Sicherheitsfirma SOCRadar hat eine kriminelle Plattform namens AnonyMousKIT aufgedeckt, die gestohlene iPhones mit Hilfe von KI-Sprachagenten entsperrt. Die Software ruft Besitzerinnen und Besitzer verlorener Geräte an, gibt sich als Apple-Support aus und entlockt ihnen per Telefonat den Gerätecode. Laut SOCRadar registrierten die Forschenden zwischen August 2025 und Mai 2026 200 solcher Anrufe.
KI-Stimme gibt sich als Apple-Mitarbeiterin aus
Die Betrüger nutzen laut SOCRadar-Bericht die Sprach-Plattform VAPI.ai in Kombination mit den Sprachmodellen GPT-3.5-turbo und GPT-4o sowie der Stimmsynthese von ElevenLabs. Die KI tritt unter dem Namen „Alice Dias, Apple Support” auf und meldet sich mit dem Satz, der Anruf werde zu Qualitäts- und Sicherheitszwecken aufgezeichnet. Anschließend bestätigt sie den Gerätebesitz, erklärt, das Telefon sei in einem Apple Store zur Entsperrung abgegeben worden, und bittet um den vier- oder sechsstelligen Gerätecode. Danach kündigt sie einen SMS-Link an und führt durch die Eingabe eines vermeintlichen Freischaltcodes, bevor sie automatisch auflegt. Die Forschenden werteten 55 Gesprächsmitschnitte aus fünf Sprachprofilen in Englisch, Spanisch und brasilianischem Portugiesisch aus. Ein Gespräch dauert im Schnitt 22 Sekunden; 100 der 200 Angerufenen legten sofort auf, 48 weitere reagierten gar nicht auf die Stimme. Auch beim Chef-Betrug per KI-Stimme setzen Kriminelle auf künstlich erzeugte Stimmen, um Vertrauen vorzutäuschen – bei AnonyMousKIT richtet sich die Masche jedoch nicht an Führungskräfte, sondern an private Handybesitzer.
Plattform verkauft Zugang wie ein Software-Abonnement
SOCRadar zählt insgesamt 506 zur AnonyMousKIT-Familie gehörende Domains und 168 Verkaufsseiten, die als Wiederverkäufer auftreten. Kundinnen und Kunden kaufen Guthaben und zahlen je nach Kanal unterschiedliche Preise: Eine E-Mail kostet 1,5 Credits, ein aufgezeichneter Anruf einen Credit, ein KI-gestützter Anruf zwei Credits – macht insgesamt rund zehn US-Cent pro KI-Anruf. Die gesamte Kampagne mit 200 Anrufen kostete die Betreiber damit knapp zwanzig Dollar. SOCRadar beschreibt die Struktur als „kleines Software-Unternehmen mit krimineller Kundschaft”, komplett mit gestaffelten Abonnements und eigenen Prozessen für den Austausch gesperrter Infrastruktur. Hinter der Plattform steht laut SOCRadar ein einzelner Entwickler, der die Technik an einen Verkäufer lizenziert; dieser wiederum vermietet Zugänge an mehrere Wiederverkäufer-Marken weiter. Eine Ende April 2026 binnen einer Sekunde gestartete Dreiergruppe von Verkaufsseiten teilte sich denselben Gmail-Versanddienst und denselben Kreis von Bedienpersonal – ein Hinweis darauf, dass ein einzelner Akteur mehrere vermeintlich unabhängige Marken betreibt. Ein Konfigurationsfehler in der gemeinsam genutzten Software legte zudem mehr als 280.000 Zeilen an E-Mail- und WhatsApp-Protokollen offen, wodurch SOCRadar überhaupt erst Einblick in Betrieb und Reichweite der Plattform erhielt.
Angriffe treffen vor allem Brasilien und Südafrika
Bei den E-Mail-Kampagnen über alle 30 ausgewerteten Backends hinweg richteten sich die meisten der 6092 Nachrichten nach Südafrika, gefolgt von Indonesien und Italien. Bei den KI-Anrufen dominierte dagegen Brasilien mit 179 der 200 dokumentierten Gespräche, während nur ein Anruf in die USA oder nach Kanada ging. Neben E-Mail und Telefon nutzt AnonyMousKIT auch WhatsApp-Nachrichten als Kanal – ähnlich wie WhatsApp selbst inzwischen mit automatischer Betrugserkennung experimentiert, um genau solche Nachrichten zu erkennen. Unter den anvisierten Adressen fanden sich laut SOCRadar auch 27 E-Mail-Konten südafrikanischer Behörden sowie weitere Hochschul- und Firmenadressen. Betroffen sind zwar in erster Linie Privatpersonen mit gestohlenen Geräten, doch ein erbeuteter Apple-Account kann auch Zugriff auf iCloud-Backups, im Schlüsselbund gespeicherte Passwörter und geschäftliche E-Mail-Postfächer eröffnen. Die Betrüger konzentrieren sich dabei auf neuere iPhone-Generationen: Von 6092 erfassten Geräten liefen mehr als 5600 mit einem Chip der A12-Generation oder neuer. Die Zahl von 200 Anrufen und die geografische Verteilung stammen ausschließlich aus den von SOCRadar eingesehenen Serverprotokollen und sind unabhängig nicht verifiziert.
Entscheidend wird, ob Apple die Aktivierungssperre technisch nachschärft, bevor weitere Nachahmer die offengelegten Baupläne kopieren. Das eigene Betrugserkennungssystem Apple Trust Insights analysiert bislang nur Nachrichten auf dem Gerät und dürfte gegen einen Live-Telefonanruf mit synthetischer Stimme kaum greifen. SOCRadar empfiehlt Betroffenen, bei einem gemeldeten Gerätediebstahl das Apple-Passwort umgehend zurückzusetzen und auf Hardware-Sicherheitsschlüssel statt SMS-Codes zu setzen.


