Sicherheit

AnonyMousKIT entsperrt gestohlene iPhones per KI-Anruf

3 Min. Lesezeit

TL;DR Too Long; Didn’t read

Die Sicherheitsfirma SOCRadar deckt mit AnonyMousKIT eine kriminelle Plattform auf, die gestohlene iPhones per KI-Telefonanruf entsperrt. Eine KI-Stimme gibt sich am Telefon als Apple-Mitarbeiterin aus und bringt Opfer dazu, ihren Gerätecode zu verraten. Zwischen August 2025 und Mai 2026 registrierten die Forschenden 200 solcher Anrufe, vor allem nach Brasilien. Ein einzelner Anruf kostet die Betreiber laut SOCRadar rund zehn US-Cent.

Eine Marionette mit einem Apple-Logo-Sticker als Gesicht hält einen Telefonhörer ans Ohr und zieht einem Handynutzer einen goldenen Schlüssel aus der Tasche, im Hintergrund liegt ein iPhone mit aufgebrochenem Vorhängeschloss-Symbol. Generiertes Bild mit GPT Image 2

Das Wichtigste in Kürze

  • SOCRadar deckt die Plattform AnonyMousKIT auf, die Apple-Support-Anrufe per KI-Stimme fälscht.
  • Zwischen August 2025 und Mai 2026 zählten die Forschenden 200 KI-gestützte Betrugsanrufe.
  • 179 der 200 Anrufe richteten sich an Opfer in Brasilien, ein Anruf kostet rund zehn Cent.
  • AnonyMousKIT ist mit 506 Domains und 168 Verkaufsseiten wie ein reguläres Software-Abo organisiert.
  • Die KI-Stimme fragt gezielt nach Gerätecode, Apple-ID und dem per SMS zugesandten Freischaltcode.
  • Apple äußerte sich laut The Hacker News bis Redaktionsschluss nicht zu dem Fund.

Die Sicherheitsfirma SOCRadar hat eine kriminelle Plattform namens AnonyMousKIT aufgedeckt, die gestohlene iPhones mit Hilfe von KI-Sprachagenten entsperrt. Die Software ruft Besitzerinnen und Besitzer verlorener Geräte an, gibt sich als Apple-Support aus und entlockt ihnen per Telefonat den Gerätecode. Laut SOCRadar registrierten die Forschenden zwischen August 2025 und Mai 2026 200 solcher Anrufe.

KI-Stimme gibt sich als Apple-Mitarbeiterin aus

Die Betrüger nutzen laut SOCRadar-Bericht die Sprach-Plattform VAPI.ai in Kombination mit den Sprachmodellen GPT-3.5-turbo und GPT-4o sowie der Stimmsynthese von ElevenLabs. Die KI tritt unter dem Namen „Alice Dias, Apple Support” auf und meldet sich mit dem Satz, der Anruf werde zu Qualitäts- und Sicherheitszwecken aufgezeichnet. Anschließend bestätigt sie den Gerätebesitz, erklärt, das Telefon sei in einem Apple Store zur Entsperrung abgegeben worden, und bittet um den vier- oder sechsstelligen Gerätecode. Danach kündigt sie einen SMS-Link an und führt durch die Eingabe eines vermeintlichen Freischaltcodes, bevor sie automatisch auflegt. Die Forschenden werteten 55 Gesprächsmitschnitte aus fünf Sprachprofilen in Englisch, Spanisch und brasilianischem Portugiesisch aus. Ein Gespräch dauert im Schnitt 22 Sekunden; 100 der 200 Angerufenen legten sofort auf, 48 weitere reagierten gar nicht auf die Stimme. Auch beim Chef-Betrug per KI-Stimme setzen Kriminelle auf künstlich erzeugte Stimmen, um Vertrauen vorzutäuschen – bei AnonyMousKIT richtet sich die Masche jedoch nicht an Führungskräfte, sondern an private Handybesitzer.

Plattform verkauft Zugang wie ein Software-Abonnement

SOCRadar zählt insgesamt 506 zur AnonyMousKIT-Familie gehörende Domains und 168 Verkaufsseiten, die als Wiederverkäufer auftreten. Kundinnen und Kunden kaufen Guthaben und zahlen je nach Kanal unterschiedliche Preise: Eine E-Mail kostet 1,5 Credits, ein aufgezeichneter Anruf einen Credit, ein KI-gestützter Anruf zwei Credits – macht insgesamt rund zehn US-Cent pro KI-Anruf. Die gesamte Kampagne mit 200 Anrufen kostete die Betreiber damit knapp zwanzig Dollar. SOCRadar beschreibt die Struktur als „kleines Software-Unternehmen mit krimineller Kundschaft”, komplett mit gestaffelten Abonnements und eigenen Prozessen für den Austausch gesperrter Infrastruktur. Hinter der Plattform steht laut SOCRadar ein einzelner Entwickler, der die Technik an einen Verkäufer lizenziert; dieser wiederum vermietet Zugänge an mehrere Wiederverkäufer-Marken weiter. Eine Ende April 2026 binnen einer Sekunde gestartete Dreiergruppe von Verkaufsseiten teilte sich denselben Gmail-Versanddienst und denselben Kreis von Bedienpersonal – ein Hinweis darauf, dass ein einzelner Akteur mehrere vermeintlich unabhängige Marken betreibt. Ein Konfigurationsfehler in der gemeinsam genutzten Software legte zudem mehr als 280.000 Zeilen an E-Mail- und WhatsApp-Protokollen offen, wodurch SOCRadar überhaupt erst Einblick in Betrieb und Reichweite der Plattform erhielt.

Angriffe treffen vor allem Brasilien und Südafrika

Bei den E-Mail-Kampagnen über alle 30 ausgewerteten Backends hinweg richteten sich die meisten der 6092 Nachrichten nach Südafrika, gefolgt von Indonesien und Italien. Bei den KI-Anrufen dominierte dagegen Brasilien mit 179 der 200 dokumentierten Gespräche, während nur ein Anruf in die USA oder nach Kanada ging. Neben E-Mail und Telefon nutzt AnonyMousKIT auch WhatsApp-Nachrichten als Kanal – ähnlich wie WhatsApp selbst inzwischen mit automatischer Betrugserkennung experimentiert, um genau solche Nachrichten zu erkennen. Unter den anvisierten Adressen fanden sich laut SOCRadar auch 27 E-Mail-Konten südafrikanischer Behörden sowie weitere Hochschul- und Firmenadressen. Betroffen sind zwar in erster Linie Privatpersonen mit gestohlenen Geräten, doch ein erbeuteter Apple-Account kann auch Zugriff auf iCloud-Backups, im Schlüsselbund gespeicherte Passwörter und geschäftliche E-Mail-Postfächer eröffnen. Die Betrüger konzentrieren sich dabei auf neuere iPhone-Generationen: Von 6092 erfassten Geräten liefen mehr als 5600 mit einem Chip der A12-Generation oder neuer. Die Zahl von 200 Anrufen und die geografische Verteilung stammen ausschließlich aus den von SOCRadar eingesehenen Serverprotokollen und sind unabhängig nicht verifiziert.

Entscheidend wird, ob Apple die Aktivierungssperre technisch nachschärft, bevor weitere Nachahmer die offengelegten Baupläne kopieren. Das eigene Betrugserkennungssystem Apple Trust Insights analysiert bislang nur Nachrichten auf dem Gerät und dürfte gegen einen Live-Telefonanruf mit synthetischer Stimme kaum greifen. SOCRadar empfiehlt Betroffenen, bei einem gemeldeten Gerätediebstahl das Apple-Passwort umgehend zurückzusetzen und auf Hardware-Sicherheitsschlüssel statt SMS-Codes zu setzen.

Häufige Fragen

Was ist AnonyMousKIT genau?

Eine seit Februar 2024 aktive Phishing-as-a-Service-Plattform, die Kriminellen gegen Bezahlung Werkzeuge zum Entsperren gestohlener iPhones bereitstellt, ergänzt um KI-Sprachagenten für Betrugsanrufe.

Wie erkenne ich einen solchen Betrugsanruf?

Echter Apple-Support fragt nie nach dem Gerätecode, dem Passwort oder einem per SMS zugesandten Freischaltcode am Telefon; bei Zweifeln sollte man auflegen und über die offizielle Apple-Website Kontakt aufnehmen.

Ist mein iPhone betroffen, wenn es nicht gestohlen wurde?

Nein, die Betrüger kontaktieren gezielt Personen, deren Gerät laut Apples Wo-ist-Funktion als verloren oder gestohlen gemeldet ist.

Was unternimmt Apple gegen die Masche?

Apple äußerte sich laut The Hacker News bis zur Veröffentlichung des Berichts nicht; das hauseigene Framework Apple Trust Insights erkennt bislang nur Betrug in Textnachrichten, nicht in Telefonanrufen.

Wie viel verdienen die Kriminellen mit der Plattform?

SOCRadar nennt keine Umsatzzahlen, dokumentiert aber gestaffelte Preise pro Nachricht und Anruf sowie ein System aus Abonnements und Wiederverkäufer-Provisionen.

Quellen (3)
  1. SOCRadar: Exposing AnonyMousKIT: AI-Powered PhaaS Supply Chain
  2. The Hacker News: Fake Apple Support AI Calls Target Stolen-Device Owners for Passcodes and 2FA Codes
  3. BleepingComputer: AnonyMousKIT PhaaS uses voice AI agents to phish iPhone passcodes

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