Wohlhabende US-Familien wenden sich zunehmend von klassischen Schulen ab und schicken ihre Kinder stattdessen an KI-gestützte Privatschulen. Wie die Wall Street Journal-Reporterin Katherine Bindley berichtet, begründen die Eltern das damit, dass KI die Wirtschaft grundlegend verändern werde und klassische Lernmethoden dafür nicht mehr angemessen vorbereiten.
Die Alpha School: zwei Stunden KI-Unterricht, dann Projektarbeit
Beispielhaft für diese Entwicklung steht die vor rund zwölf Jahren in Austin, Texas, gegründete Alpha School. Das Konzept: Kernfächer werden in zwei Stunden täglich mit KI-gestützter Software erarbeitet, die erfasst, wie aufmerksam Schülerinnen und Schüler sind, und den Lernstoff individuell anpasst. Der restliche Schultag besteht aus projektbasierten Workshops und praktischen Aktivitäten. Anstelle von Lehrkräften setzt die Schule auf sogenannte “Guides”, die laut Sprecherin Anna Davlantes alle sechsstellig bezahlt werden. Das Schulgeld liegt je nach Standort zwischen 10.000 und bis zu 75.000 US-Dollar pro Jahr.
Die Schule expandiert derzeit zügig: 2025 kamen laut WSJ acht neue Standorte hinzu, etwa in San Francisco und New York, im Herbst 2026 sollen fast zwei Dutzend weitere folgen. Laut Davlantes arbeiten viele New Yorker Alpha-Familien im Finanzsektor oder sind Unternehmer, in der Bay Area kommen sie überwiegend aus der Tech-Branche. Zu den prominentesten Fürsprechern zählt der Milliardär Bill Ackman.
Wer schickt seine Kinder dorthin – und warum
Der in San Francisco ansässige Risikokapitalgeber Shaun Johnson will seinen Sohn in den Alpha-Kindergarten schicken, nachdem er mit der öffentlichen Schule, die seine Familie per Los zugewiesen bekam, unzufrieden war. Gegenüber dem Wall Street Journal sagte er, das Bildungssystem sei vermutlich kaputt, und es werde Unternehmer geben, die versuchten, es zu reparieren. Ausschlaggebend für seine Entscheidung sei vor allem die Personalisierung durch KI gewesen, nicht der Technologieeinsatz als Selbstzweck.
Kritische Stimmen: Homogenität und die Rolle der Lehrkraft
Nicht alle Beobachter sehen das Modell unkritisch. Victor Lee, Professor an der Stanford Graduate School of Education, äußerte gegenüber dem Wall Street Journal die Sorge, dass ein stark auf Unternehmertum oder KI ausgerichtetes Profil zu einer homogeneren Schülerschaft führen könne als an klassischen Privatschulen. Zudem trage der Verzicht auf die Bezeichnung “Lehrer” dazu bei, die Rolle und Professionalität des Lehrberufs zu schmälern. Auch strukturelle Fragen bleiben offen: Laut dem Wikipedia-Eintrag zur Alpha School beruhen die Angaben der Schule, wonach Kinder doppelt so viel lernten wie an klassischen Schulen, auf internen Analysen der Schule selbst und sind bislang nicht unabhängig überprüft worden. Auch die Unternehmensstruktur rund um mehrere miteinander verflochtene gewinnorientierte Zulieferfirmen der Schule stand bereits in der Kritik.
Zwei Studien zeigen: Das klassische System tut sich schwer mit KI
Dass klassische Bildungseinrichtungen mit dem Umgang von KI im Unterricht bislang überfordert wirken, zeigen zwei aktuelle Studien. Eine Untersuchung des CEPR (Centre for Economic Policy Research) mit Paneldaten von 26.811 chinesischen Sekundarschülerinnen und -schülern über 30 Monate ergab, dass generative KI zwar die Hausaufgabennoten um 18 Prozent verbesserte und die Bearbeitungszeit um rund 30 Prozent verkürzte, gleichzeitig aber die Ergebnisse bei geschlossenen Prüfungen innerhalb von sechs Monaten um 20 Prozent einbrachen. Bei besonders wichtigen Aufnahmeprüfungen lag der Rückgang nach rund zwei Jahren zwischen 18 und 24 Prozent. Rund 80 Prozent der betroffenen Schüler zeigten laut der Studie ein Verhaltensmuster, das auf reines Auslagern der Denkarbeit an die KI hindeutet.
Zu einem ähnlichen Befund kam eine Studie des Center for Studies in Higher Education der UC Berkeley, die mehr als 500.000 Notenverläufe von 2018 bis 2025 an einer selektiven öffentlichen Universität in Texas auswertete. In Kursen mit hohem Anteil an Schreib- und Programmieraufgaben stieg der Anteil an Bestnoten nach der Einführung von ChatGPT im November 2022 um 13 Prozentpunkte, was einem Anstieg von rund 30 Prozent gegenüber dem Ausgangswert entspricht. Der Effekt trat vor allem bei unbeaufsichtigten Hausaufgaben auf, nicht jedoch bei mündlichen Präsentationen – ein Muster, das laut Studienautor Igor Chirikov eher für ausgelagerte Arbeit als für tatsächlich verbesserte Lernleistung spricht.
Bildungsungleichheit im KI-Zeitalter
Mit Jahresgebühren von bis zu 75.000 US-Dollar bleibt ein Modell wie Alpha School einer kleinen, wohlhabenden Minderheit vorbehalten. Gleichzeitig verfügt praktisch jeder mit Internetzugang heute potenziell über einen geduldigen, individuell anpassbaren und rund um die Uhr verfügbaren KI-Tutor – ein Potenzial für Bildungsgerechtigkeit, dessen Nutzung jedoch genau die Kompetenz voraussetzt, KI sinnvoll statt als Ersatz fürs eigene Denken einzusetzen. Ob und wie diese Kompetenz vermittelt wird, bleibt an den meisten klassischen Schulen bislang offen.
Einordnung
Der Boom KI-gestützter Privatschulen bei wohlhabenden US-Familien lässt sich als Reaktion auf eine reale Unsicherheit lesen, wie sich Bildung angesichts generativer KI verändern sollte – die vorliegenden Studien aus China und den USA zeigen schließlich, dass unreflektierter KI-Einsatz beim Lernen tatsächlich messbare Nachteile mit sich bringen kann. Ob Modelle wie Alpha School dieses Problem tatsächlich lösen oder es lediglich hinter höheren Schulgebühren und unabhängig nicht überprüften Erfolgsversprechen verbergen, lässt sich anhand der bislang verfügbaren, überwiegend schuleigenen Daten nicht abschließend beurteilen.


